Seit dem Inkrafttreten des EU AI Act läuft eine Uhr. Ab 2025 gilt unter anderem die Pflicht, dass Unternehmen sicherstellen müssen, dass Mitarbeitende, die mit KI-Systemen arbeiten, über ausreichende KI-Kompetenz verfügen. Klingt abstrakt. Ist es aber nicht – zumindest wenn man sich anschaut, was dahintersteckt.
Was der EU AI Act unter KI-Kompetenz versteht
Der Begriff stammt aus Artikel 4 des EU AI Act. Er verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen, dafür zu sorgen, dass ihr Personal ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz besitzt. Was genau darunter fällt, lässt der Gesetzgeber bewusst offen – es soll verhältnismäßig sein, also abhängig vom Kontext, dem eingesetzten System und der Rolle der Person.
Das bedeutet: Wer in einem mittelständischen Unternehmen ein KI-Tool zur Kundenkommunikation einsetzt, muss nicht alle Mitarbeitenden zu KI-Expertinnen und -Experten ausbilden. Aber die Menschen, die mit dem System arbeiten oder Entscheidungen auf Basis seiner Ausgaben treffen, sollten verstehen, was das System tut, wo es Grenzen hat und wann menschliches Urteil gefragt ist.
Was das konkret für mittelständische Unternehmen heißt
Viele Unternehmen im Mittelstand setzen KI bereits ein – oft über eingekaufte Software, die KI-Funktionen enthält, oder über Tools wie Copilot, ChatGPT oder branchenspezifische Lösungen. Damit sind sie in der Regel als Betreiber im Sinne des AI Act einzustufen, nicht als Anbieter. Die Pflichten sind geringer, aber sie existieren.
Praktisch heißt das:
- Mitarbeitende, die KI-gestützte Entscheidungen treffen oder vorbereiten, brauchen ein Grundverständnis davon, wie das jeweilige System funktioniert.
- Es reicht nicht, ein Tool einzuführen und zu hoffen, dass alle damit zurechtkommen.
- Dokumentation und Nachweisbarkeit werden wichtiger – wer hat welche Schulung erhalten, wann, in welchem Umfang.
Kein Unternehmen muss jetzt ein internes KI-Studium aufbauen. Aber es braucht einen Plan.
Warum viele Pilotprojekte genau hier scheitern
Die Erfahrung zeigt: Neun von zehn KI-Piloten kommen nie in den produktiven Einsatz. Einer der häufigsten Gründe ist nicht die Technologie – sondern fehlende Adoption im Team. Mitarbeitende verstehen nicht, warum das Tool eingesetzt wird, wie sie es richtig nutzen oder wann sie seinen Ausgaben vertrauen können.
Der EU AI Act zwingt Unternehmen jetzt gewissermaßen, dieses Problem strukturiert anzugehen. Das ist keine schlechte Sache. Wer KI-Kompetenz aufbaut, weil er es muss, baut sie trotzdem auf – und profitiert davon.
Wie ein sinnvoller Einstieg aussieht
Es geht nicht darum, alle auf einmal zu schulen. Sinnvoller ist ein gestuftes Vorgehen:
- Bestandsaufnahme: Welche KI-Systeme sind im Einsatz? Wer arbeitet damit? Welche Entscheidungen hängen davon ab?
- Rollenbasierte Einordnung: Nicht jede Person braucht dasselbe Wissen. Führungskräfte brauchen strategisches Verständnis, operative Mitarbeitende brauchen Handlungssicherheit im Alltag.
- Konkrete Lernformate: Kurze, praxisnahe Einheiten funktionieren besser als mehrtägige Schulungsblöcke. Internes Wissen weitergeben, externe Angebote gezielt nutzen.
- Dokumentation von Anfang an: Wer was wann gelernt hat, sollte nachvollziehbar sein – nicht für die Aufsichtsbehörde, sondern für das eigene Qualitätsmanagement.
Wenn du noch nicht weißt, welche KI-Systeme in deinem Unternehmen überhaupt unter den AI Act fallen, ist das der erste Schritt. Ein EU-AI-Act-Check kann helfen, das schnell einzugrenzen.
Was du jetzt nicht tun solltest
Zwei Fehler passieren gerade häufig: Entweder ignorieren Unternehmen das Thema komplett, weil die Fristen noch nicht unmittelbar drohen. Oder sie reagieren mit überdimensionierten Schulungsprogrammen, die am eigentlichen Bedarf vorbeigehen.
Beides kostet Zeit und Geld. Der EU AI Act ist kein Grund zur Panik, aber er ist auch kein Thema, das man auf nächstes Jahr verschieben sollte. KI-Kompetenz aufzubauen braucht Zeit – und die läuft.
Der pragmatische Weg: Klein anfangen, konkret werden, dokumentieren. Und sicherstellen, dass KI-Einführungen im Unternehmen von Anfang an einen Verantwortlichen haben, der auch für die Kompetenzentwicklung im Team zuständig ist.
